Geschichte. Geschichten. Unsere.

Es ist ein Abend im Mai 2014. Im Werkstadthaus Tübingen finden sich einige Menschen ein: sie haben ihre Musikinstrumente mitgebracht. Was auf sie zukommt, wissen sie noch nicht so genau, ihre Neugier hat sie hergetrieben. Es soll um Welt- und Folkmusik gehen, angekündigt war eine Tunelearning-Session – aber was heißt das?

Kurz darauf sitzen sie aufmerksam im Kreis und lauschen einer Mazurka, vorgetragen von einem einzelnen Musiker. Einmal vorgespielt, wird sie nun in kurze Passagen unterteilt. Ton für Ton lernen die Anwesenden, ihren Part nach Gehör zu spielen. Am Ende des Abends erklingt die Mazurka wieder als Ganzes – aber jetzt spielen alle mit. Ein spontanes Arrangement rundet das ganze ab.

Die Mazurka jenes Abends wird auch heute noch, drei Jahre später, von begeisterten MusikerInnen in Tübingen gespielt. Die Tunelearning-Sessions finden wöchentlich im Werkstadthaus statt. Das Ganze ist zu einem erfolgreichen Projekt geworden und trägt den Namen Folklang.

Aber wie kam es dazu, und was ist in der Zwischenzeit passiert?

Kathryn Döhner, die heutige musikalische Leiterin des Folklang Ensembles Tübingen, besucht in Slovenien das Ethno Histeria Festival. Sie ist begeistert und inspiriert. Schnell wird ihr klar, dass das große Orchester, in dem 100 Musiker aus über 30 Nationen musizieren, gelebte Völkerverständigung ist – nur, dass dieses Wort niemals fällt oder zum Thema gemacht wird.

Ohne erkennbare Hierarchien im Orchester geschieht das Erlernen der Musik ohne Noten, rein nach Gehör. Kathryn ist fasziniert vom gegenseitigen Respekt und dem achtsamen Umgang der Musiker miteinander, und vor allem von der hohen musikalischen Qualität des Projektes.

Kathryn lernt hier das Ethno-Konzept kennen und ist begeistert: Der Wunsch ist geboren, ein interkulturelles offenes Ensemble, das den musikalischen Austausch von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft als Grundlage hat, in Tübingen zu starten, mit dem Ziel sie zusammenzubringen, ihr Kulturerbe zu fördern und einen Raum für Begegnung zu schaffen.

Kathryn nimmt an verschiedenen Ethno-Camps teil und lässt sich in Paris im Rahmen einer Ethnofonik-Fortbildung zum “Artistic Leader” ausbilden. Sie wird Teil des Ethno-Germany-Teams und tauscht sich mit vielen Musikern der aktiven Ethno-Szene aus.

Kathryn und Susanne Christel begegnen sich und stellen fest, dass sie mit derselben Vision in der Welt sind. Hier ein Auszug:

  1. Alle Menschen haben im Grunde die gleichen Bedürfnisse (z.B. nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit). Werden diese gut versorgt, sind wir unser besseres Selbst.
  2. Jeder Mensch ist ein eigenes kulturelles Universum; wird das respektiert, ist auch interkulturelles Leben einfach.
  3. Wenn Menschen verschiedenster kultureller Hintergründe einen gemeinsamen Klang erzeugen und tragen und jede/r Einzelne diesen gemeinsamen Klang zugleich durch seine Individualität prägt, dann spiegelt sich in der Musik ein Entwurf des Miteinanders, wo anders nicht fremd sein muss.
  4. Die Welt braucht genau das!!!!

Susanne arbeitet an der vhs Tübingen und ist u.a. für Projektarbeit verantwortlich.

Kathryn und Susanne entwickeln gemeinsam das Konzept für Folklang und beantragen, mit der vhs Tübingen als Träger, Fördermittel.

Beim internationalen Folkmarathon in Prag im Dezember trifft Kathryn auf Ernesto Calderón, Leiter des Ensemble Transatlántico de Folk Chileno und Gründer des Ethno Chile. Die Idee wird geboren, eine Kollaboration mit dem Tübinger Ensemble zu starten.

Die Universitätsstadt Tübingen fördert der vhs ein Kick off Event für Folklang im Rahmen eines gemeinsamen Auftritts mit dem Ensemble Transatlántico de Folk Chileno unter Leitung von Ernesto Calderón.

Im Mai findet die erste öffentliche Tunelearning-Session im Werkstadthaus Tübingen statt.

Auftaktveranstaltung Folklang: Die Tübinger Teilnehmer werden in 3 Workshop-Wochen (Juli, September, November) auf das Konzert vorbereitet. Ernesto Calderon kommt zunächst mit einer kleinen Delegation des chilenischen Folk-Orchesters, um dessen Repertoire und die Arrangements an die Tübinger Musiker weiterzugeben.

Am 11. November geben Folklang und das Ensamble Transatlantico ein Gemeinschafts-Konzert im Tübinger Sudhaus. Es wird ein Riesenerfolg.

Davon inspiriert haben jetzt viele musikbegeisterte Menschen Lust, sich aktiv in das Projekt Folklang einzubringen. Ein Kernteam von Musikern kristallisiert sich heraus: Cédric Berner (Gitarre, Bouzouki) und Jonas Leuther (Percussion) ergänzen nun Kathryn Döhner (Geige).

Inzwischen finden wöchentliche Tunelearning-Sessions im Werkstadthaus statt. Zusätzlich werden Workshops mit Kieren Alexander (März) und Wouter Vandenabeele (Juli) mit anschließenden Abschlusskonzerten angeboten.

Im Juli bekommt die vhs Tübingen schließlich die Bewilligung der Förderung durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Folklang startet offiziell unter Trägerschaft der vhs Tübingen.

In Folge werden regelmäßige Tunelearning- und Jamsessions angeboten; Öffentlichkeitsarbeit und Konzerte folgen – Folklang wächst.

Dezember: Mini-Ethno Konzert im Atelier Holthoff. Es erscheint Peter Ertles Artikel im Schwäbischen Tagblatt, in dem er das Projekt als derzeit bestes Musikprojekt in Tübingen bezeichnet.

Januar: Folklang wird zum Neujahresempfang des Oberbürgermeisters der Stadt Tübingen eingeladen. Das Projekt bekommt immer mehr Zulauf und parallel dazu, viele Auftrittsanfragen. Das Konzept von Folklang wird durch Kathryn und Susanne dem Erfolg und den steigenden TeilnehmerInnenzahlen angepasst. Der Migrationsanteil der TeilnehmerInnen steigt.

Juli: Mini-Ethno im Sudhaus mit Konzert vor 300 Leuten, 70 Musiker.

Das musikalische Kernteam wächst: Chris Schoenbeck (Bass, Klavier) stößt hinzu.

Herbst: Folklang gewinnt den 2. Platz des Integrationspreises der Stadt Tübingen.

Aufgrund des großen Erfolgs von Folklang wird die internationale Folkszene aufmerksam auf Tübingen. Infolge dessen findet der internationale Folkmarathon in Tübingen statt. Es kommen über 300 Musiker aus aller Welt. Folklang tritt am Silvesterabend vor einem begeisterten Publikum auf. Das Event wurde ehrenamtlich von Mitgliedern von Folklang organisiert.

Beim Landeswettbewerbs Folk- und Weltmusik am 06. Mai in Reutlingen gewinnt Folklang den Sonderpreis.

Das BAMF zeichnet Folklang als Integrationsprojekt des Monats Mai aus.

Vom 13. bis 17. Juni findet das erste Folklang Sommerfestival nach dem bisherigen Mini-Ethno Format statt. Es sind an die 90 internationale Musiker und Musikerinnen bei den Tunelearning Workshops dabei und geben ihr Abschlusskonzert im Sudhaus vor 400 Besuchern.

Folklang macht sich selbständig mit der Gründung des gemeinnützigen Vereins KlangFolk e.V.. Zum 30. Juni endet die Förderung durch BAMF.

Ab 1. Juli steht Folklang offiziell auf eigenen Beinen. Zur Anschubfinanzierung wird eine Crowdfunding Kampagne gestartet.